Diskussion um Kurzbeitrag „Schlange“

Mein letzter Kurzbeitrag in „Christsein heute“ zur Schlange in der biblischen Urgeschichte hat bei einigen Lesern Irritationen hervorgerufen. Der Beitrag wurde außerdem in einer Meldung von idea spektrum (online und gedruckt) aufgegriffen, in der die von mir sowieso schon knapp dargestellte Position noch weiter verkürzt wurde. Dies hat in der Folge zu einer recht heftigen Diskussion geführt. Deswegen nutze ich gerne einmal meinen neuen Blog für eine kurze Stellungnahme.

Mein Anliegen bei der Auslegung ist, den biblischen Text so zu verstehen, wie er sich selbst versteht, wie er selbst verstanden werden will. Dazu habe ich – ganz unaufgeregt – einige Beobachtungen zu 1.Mose 3 in seinem Kontext des biblischen Kanons gemacht.

Auf der einen Seite spricht 1.Mose 3 konsequent von einer Schlange. Die Schlange verführt Eva. Die Schlange wird am Ende bestraft. Der Nachkomme Evas wird der Schlange den Kopf zertreten. Nirgendwo steht etwas wie „Satan in Gestalt einer Schlange“ – auch wenn man dies vielleicht erwarten würde.

Auf der anderen Seite ist es vom biblischen Gesamtbild her schlecht vorstellbar, dass tatsächlich ein Tier von der biologischen Gattung „Schlange“ der Verführer gewesen sein soll. Das neue Testament sieht hier eindeutig den Satan.

Damit stellt sich die Frage, wie „Schlange“ und „Satan“ in 1.Mose 3 miteinander in Beziehung zu setzen sind.

Entweder hat der Satan eine tatsächliche Schlange für seine Zwecke missbraucht, also durch sie gesprochen. Dann bleibt aber merkwürdig, dass am Ende doch die Schlange bestraft wird (keine Beine). Wenn sie nur vom Satan missbraucht worden wäre – was könnte sie dafür? Dasselbe gilt, wenn man behauptet, der Satan wäre hier in Gestalt einer Schlange erschienen. Warum werden trotzdem die Schlangen bestraft, nicht der Satan? Mit solchen Erklärungen werden wir der inneren Logik des Textes offensichtlich nicht gerecht.

Oder aber: Die Schlange ist in 1.Mose 3 insgesamt als Symbol zu verstehen. Der Text sagt also „Schlange“ und meint damit „Verführer“ oder „Satan“. Meine persönliche Ansicht dazu ist, dass in 1.Mose 2 und 3 historische und symbolische Aussageabsichten miteinander verschränkt sind. Die Personen Adam und Eva werden durch die Urgeschichte hindurch (und auch im Neuen Testament) als historische Personen angesehen. Die ganze Urgeschichte hat ein historiographisches Rahmenwerk durch die Geschlechtsregister. Auf der anderen Seite erscheinen in 1.Mose 2+3 auch einige Symbole: eben die Schlange als Symbol für den Verführer und z.B. auch der Baum des Lebens als Bild für das ewige Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Als Christen essen wir ja nicht von einem Baum, um ewiges Leben zu bekommen, sondern erlangen das Leben in der Gemeinschaft mit Gott.

Wer Interesse an der Literatur als Kunst hat, kann aus meiner Sicht gar nicht anders als in 1.Mose 2-3 starke symbolische Obertöne wahrzunehmen.

Also: ein Ineinander von historischer und symbolischer Aussageebene, das wir möglicherweise nie ganz auflösen können. Bestimmte Ereignisse werden nur in Form einer Bildsprache zugänglich gemacht.

Das Ziel dieses Ineinanders ist meiner Ansicht nach, dass etwas beschrieben wird, das einmal am Anfang stattgefunden hat (Historie) und das zugleich auch immer wieder stattfindet bzw. das ganz grundsätzlich für alle Menschen gilt (Symbolik). Diese doppelte Perspektive: einmal geschehen, immer geschehen, oder „Urgeschehen“ – „Grundgeschehen“ ist z.B. auch in Römer 5,12 zu erkennen, bezogen auf die Sünde Adams und auf die Sünde aller Menschen.

Julius Steinberg