Raum zum Leben – seinen Platz finden

Die Eltern sind besorgt. Ihr fünfjähriger Sohn ist in letzter Zeit oft unwillig und aggressiv. Nach längerem Ringen entschließen sie sich endlich, eine Beratung aufzusuchen. Die Familientherapeutin begrüßt Eltern und Sohn. Darauf überreicht sie dem Jungen einen Kasten, der Bauklötze und verschiedene Figuren und Möbel in Puppenhausgröße enthält.

Der Junge macht sich sofort ans Werk. Mit den Klötzchen grenzt er einen Raum ab. Er stellt Tisch und Stühle auf und setzt die Puppen darauf, den Vater, die Mutter, und sich selbst in die Mitte. Mit dem Geschirr wird der Tisch gedeckt, die Blümchen kommen auf die kleine Fensterbank. Die Therapeutin bewundert sein Werk. Dann stellt sie ihm eine Frage: „Wo ist denn deine kleine Schwester?“

Ein Gespräch beginnt, und bald schon stellt sich heraus: Der Junge ist eifersüchtig. Immer steht die Schwester im Mittelpunkt, für ihn haben Papa und Mama nie Zeit. Am liebsten soll die Schwester weg sein. Deshalb hat er sie nicht an den Tisch gesetzt. In Wirklichkeit hat er das Gefühl, selbst nicht mit am Tisch zu sitzen, selbst nicht richtig dazuzugehören.

Die Eltern sind verblüfft und erschrocken. Daran hätten sie niemals gedacht. In den folgenden Wochen üben sie sich darin, mit ihren beiden Kindern gerecht umzugehen. Beiden Kindern geben sie die gleiche Menge an ungeteilter Aufmerksamkeit. Zwei Monate später suchen die Eltern noch einmal die Beratung auf. Wieder darf ihr Sohn mit den Figuren aus der Kiste spielen. Und siehe da: Diesmal sitzt die ganze Familie, alle vier, vereint am Puppentisch. Jetzt hat ein kleiner Junge seinen Platz in der Familie wieder gefunden.