Forschungsprojekt zum Hohenlied Salomos

Aktuelles Forschungsprojekt im Rahmen meiner Tätigkeit als Professor für Altes Testament und Hebräisch an der Theologischen Hochschule Ewersbach

Veröffentlichungen zum Projekt

Die Vielzahl der Zugangsweisen zum Hohenlied

Viele Artikel und Monographien zum Hohenlied beginnen auf eine ähnliche Weise: Zunächst listet der Verfasser/die Verfasserin die unterschiedlichen Zugangsweisen zum Hohenlied auf. Anschließend werden alle Ansätze verworfen, bis auf einen, der dann im Hauptteil des Beitrags weiter entwickelt wird.

Die Frage, welcher der vielen möglichen Ansätze als der richtige zu wählen sei, wird allerdings von Autor zu Autor ganz unterschiedlich beurteilt. Eine Durchsicht der aktuellen Literatur zeigt, dass beinahe jede jemals zum Hohenlied entwickelte Interpretationsrichtung auch im 21. Jh. ihre Vertreter hat.

Wie lässt sich von diesem Befund aus fortfahren? Sollen die unterschiedlichen Zugänge ein weiteres Mal diskutiert werden in der Hoffnung, vielleicht doch noch das alles entscheidende Argument zu entdecken? Oder ist die Suche nach der einen Bedeutung des Hohenliedes überhaupt aufzugeben, mit dem Verweis auf die Ambiguität des Textes oder die maßgebliche Rolle des Lesers beim Prozess der Entstehung von Bedeutung?

Der Ansatz: eine doppelten Strategie

Der erste Teil der Strategie besteht darin, das Hohelied als ein mehrschichtiges literarisches Gebilde zu betrachten. Diese Konsequenz ist aus der Vielzahl der Ansätze zu ziehen. Das heißt zwar nicht, dass jeder Ansatz unbedingt „gleich gültig“ sein muss. Aber doch ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichen Zugänge jeweils Beobachtungen am Text machen, die als zutreffend im Sinne ihrer Sichtweise anzusehen sind. Die Wahrheitsmomente der unterschiedlichen Zugänge sind zu berücksichtigen und in einen Gesamtansatz zu integrieren, will man dem Hohenlied gerecht werden.

Der zweite Teil der Strategie besteht darin, den literarischen und denkerischen Kontext zu reflektieren, innerhalb dessen das Hohelied überliefert wurde. Interpretation wird bekanntermaßen immer auch durch Kontexte mitbestimmt. Das Hohelied begegnet uns in der Überlieferung nie einzeln, sondern immer als Teil eines biblischen Kanons. Auch innerhalb des Kanons wiederum erscheint das Hohelied nicht an beliebigen Orten, sondern entweder in der liturgischen Kompilation der fünf Megillot (Ruth, Esther, Hoheslied, Prediger, Klagelieder) oder aber zusammen mit dem Sprüchebuch und dem Predigerbuch in einer weisheitlich-salomonischen Buchgruppe. Wie können Interpretationsansätze diesem Faktum Rechnung tragen?

Insgesamt geht es nicht darum, bestimmte Interpretationsrichtungen in einem absoluten Sinne als zulässig oder unzulässig einzustufen. Ein solches Vorgehen hat sich in der Vergangenheit nicht als hilfreich erwiesen. Ziel ist vielmehr, die Vielheit der Ansätze zu strukturieren und sie ins Verhältnis zueinander zu setzen, und zwar unter den beiden genannten Perspektiven.

Das Hohelied als mehrschichtiges literarisches Kunstwerk

Auf einer untersten Betrachtungsebene wird das Hld zunächst als eine Zusammenstellung einzelner Liebesgedichte wahrgenommen, die unterschiedliche Facetten eines Beziehungsgeschehens jeweils kurz aufleuchten lassen.

Auf einer zweiten Ebene lässt sich ein narratives Voranschreiten beobachten. Zumindest streckenweise erzählt das Hld die Geschichte einer Liebe in dichterischer Form.

Drittens sind Aspekte dramatischer Gestaltung zu erkennen; Teile des Liedes könnten bei Hochzeiten aufgeführt worden sein, wie etwa Vergleiche mit traditionellen syrischen Hochzeitsbräuchen nahelegen.

Auf der Hauptebene schließlich nimmt das Hld diese verschiedenen Momente auf und verbindet sie zu einem literarischen Werk, das nun aber nicht mehr nach narrativen oder dramatischen, sondern nach poetischen Kriterien strukturiert ist. Zugrunde liegt eine „emotionale Struktur“ des gegenseitigen Verlangens, eine fünffache Entwicklung von der Distanz zur Nähe. Mit der literarischen Gestaltung tritt ein reflexives Moment hinzu, hinter dem eine weisheitliche Intention erkennbar wird. Das Gesamtwerk lädt den Leser ein, die Liebe zwischen Mann und Frau zu feiern und zu reflektieren.

Auf einer noch darüberliegenden Ebene inspiriert das Hld Leser zu allegorischen Deutungen.

Das Hohelied im Kontext des biblischen Kanons

Eine Interpretation des Hohenliedes als Sammlung „säkularer“ Liebeslieder berücksichtigt den biblischen Kontext offensichtlich nicht.

Die mythologische Auslegung im Sinne einer Götterhochzeit steht zu den sonst in der Bibel vermittelten Glaubensüberzeugungen in scharfem Kontrast.

Eine Möglichkeit bietet die allegorische Auslegung, die das im Text beschriebene Liebesverhältnis auf die Liebe zwischen Gott und seinem Volk überträgt. Diese Übertragung ist der Sache nach „biblisch“, doch ob sie textgemäß ist, darf aus meiner Sicht zu Recht angezweifelt werden.

Die Liebe zwischen Mann und Frau hat in der Theologie der Bibel durchaus einen bedeutenden Platz. Ganz textgemäß lässt sich das Hohelied als Lied auf die Liebe zwischen Mann und Frau in einem schöpfungstheologischen Bezugsrahmen verstehen.

Das Hohelied als kanonisches Weisheitsbuch

Die Überschrift „von Salomo“ kann kanonhermeneutisch betrachtet werden und hat dann die Funktion, das Hohelied dem Bereich der biblischen Weisheit zuzuordnen (Brevard Childs). Die Merkmale weisheitlichen Denkens

  • empirische Epistemologie, d.h. Lernen aus Beobachtung und Erfahrung
  • paradigmatischer Zugang, d.h. Suche nach dem, was „typisch“ ist
  • Verbindung von Wissen und Leben
  • schöpfungstheologische Verankerung

lassen sich allesamt im Hohenlied finden. Explizit weisheitliche Formen finden sich in Hld 8,6b-7. Auch der wiederholte Mottosatz, mit der Liebe zu warten, „bis es ihr gefällt“ (2,7; 3,5; 8,4), zeigt typisch weisheitliches Denken, indem nämlich nach den der Liebe selbst innewohnenden Gesetzmäßigkeiten, den „Eigengesetzlichkeiten“ der Liebe (Othmar Keel) gefragt wird.

Ein Unterschied zu anderen Weisheitsbüchern besteht darin, dass statt der Perspektive eines Außenbeobachters die introspektive Perspektive von Liebenden gewählt wird.

Basierend auf einer so noch näher bestimmten weisheitlichen Perspektive lassen sich die Inhalte des Hohenliedes den Bereichen biblischer Sexual-Anthropologie und biblischer Sexualethik zuordnen.